"Nun kommt die Verantwortung wieder auf uns zu"

SPIEGEL-Redakteur Dieter Bednarz zu Gast bei den Wirtschaftsjunioren Südwestfalen e.V.

Siegen, 16. September 2015 - Zurücklehnen und die Ereignisse aussitzen, das geht nicht mehr! So lässt sich vielleicht am besten ein Gespräch zusammenfassen, welches gestern Abend in der Mercedes Bald Arena an der Siegener Leimbachstraße stattfand. Und dieses Resümee kann man nicht nur auf das „Sturmgeschütz der Demokratie“ beziehen, wie Gründer Rudolf Augstein  einst den Auftrag des „SPIEGEL“ definierte, sondern allgemein auch auf die Politik. Eingeladen hatten die Wirtschaftsjunioren Südwestfalen e.V. den langjährigen politischen Redakteur des Nachrichtenmagazins „DER SPIEGEL“, Dieter Bednarz,  um per Interview mit Mitglied Markus Weber zu erfahren, wie Europas größtes Nachrichtenmagazin arbeitet und ob das Internet der Tod des klassischen Journalismus bedeutet.

Spiegel-Redakteur Dieter Bednarz (links vorne) zu Gast in der Mercedes Bald Arena an der Siegener Leimbachstraße. Rechts Markus Weber von den Wirtschaftsjunioren Südwestfalen e.V., der ihn interviewte.

Es ging aber nicht nur um den SPIEGEL sondern auch um verschiedene Fronten, vor allem im Nahen Osten, wo sich Dieter Bednarz beruflich besonders gut auskennt. Den Gesprächsauftakt begann er aber mit seinen persönlichen Erfahrungen von der „Wickelfront“. Mit 49 Jahren wurde er Vater von Zwillingen, kurz danach kam Tochter Rosa auf die Welt. Ein Freund habe ihn mit den Worten „Wer soll das schaffen, wenn Euch das nicht gelingt!“ dazu ermuntert, sich mit seiner Frau diesen Aufgaben zu stellen. Parallel dazu sei auch Deutschland heute in einer Lage, Stichwort Flüchtlinge, dass man denkt, wie schaffen wir das?  „Nun müssen wir alle im Lande Herz und Verstand zusammenführen, um das zu ruppen“, betonte Bednarz und lobte die Führungsrolle von Bundeskanzlerin Merkel bei dieser Herkulesaufgabe.

Ausführlich ging der Redakteur auch auf die Geschichte und Konstruktion des „SPIEGEL“ ein, wo die rund 900 Mitarbeiter als Gesellschafter  das Sagen haben. Der jahrelange Konflikt beim SPIEGEL, in dessen Verlauf mehrere Chefredakteure an den selbst- und machtbewussten Redakteuren scheiterten, entstand im Grunde genommen mit dem Aufkommen des Internet und entzündete sich an der Frage der Zusammenführung der Print-Ausgabe mit dem rechtlich eigenständigen Internetmagazin „SPIEGEL ONLINE“. Inzwischen „… üben sich SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL in Kooperation, so Bednarz. Allein 15 Arbeitsgruppen beschäftigten sich heute beim „SPIEGEL“ mit der Zusammenführung. Darüber hinaus müsse natürlich nach Auflagen- und Anzeigen­-Verlusten gespart werden. Dennoch würde auch beim SPIEGEL an neuen Produkten gearbeitet.

Dieter Bednarz (rechts) sprach über den (neuen) Qualitätsjournalismus und als intimer Könner über den  Nahen Osten.

Die Schnelligkeit des Internet bei der Verbreitung von Nachrichten hat längst den klassischen Journalismus verändert. Die Enthüllungsplattform WikiLeaks mache beispielsweise geheime Dokumente von Regierungen und Institutionen für jeden öffentlich zugänglich, überfordere aber viele Menschen allein durch die schiere Masse an Informationen. Hier kommt nach Auffassung von Dieter Bednarz der (neue) Qualitätsjournalismus ins Spiel, der seine vielfältigen Kontakte in die Netzkultur nutzt, um Nachrichten zu analysieren, einzuordnen („kuratieren“ in der SPIEGEL-Sprache) und zu kommentieren. Folgt man dem, geht es im Grunde also um eine Arbeitsteilung von Qualitätsjournalismus à la SPIEGEL und Online-Nachrichten.

Und auch das Thema Ethik im Journalismus kam am Abend nicht zu kurz. Journalisten hätten immer wieder individuelle und verantwortliche Entscheidungen zu fällen, beispielsweise ob ein bestimmtes Foto veröffentlicht werden sollte. Das kürzlich gezeigte Foto des kleinen ertrunkenen syrischen Jungen werde eine Ikone, prophezeite Bednarz. „Es drückt alles aus, was man sonst in Artikeln nicht ausdrücken kann“.

Der zweite Teil des Gesprächs mit dem Gast kreiste um den Nahen Osten. Der Journalist,  der 1956 in Bochum geboren wurde, lebte u.a. drei Jahre in Kairo und gilt als intimer Kenner vieler Länder in dieser Region. „Wenige haben den dortigen beispiellosen Umbruch, den „Arabischen Frühling“ so genau  und so nah verfolgt wie unser heutiger Gast“, hatte ihn Timm Bendinger, Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren Südwestfalen e.V., bei der Begrüßung charakterisiert.Aufsehen erregten seine SPIEGEL-Interviews mit dem iranischen Präsidenten Ahmadineschad, dem iranischen Ajatollah und Multi-Millionär Rafsandschāni, dem syrischen Diktator Assad und dem ägyptischen Staatschef Sisi. Solche Gespräche müssten, so Bednarz vor den rund 100 Besuchern in der Mercedes Bald Arena, geduldig und lange vorbereitet werden, häufig unter Einschalten von Kontakten und Mittelsmännern. Mit Assad habe er zweimal gesprochen (2009 und 2013) und ihn dabei immer als souveränen, freundlichen und selbstbewussten Herrscher ohne Selbstzweifel erlebt. Das Weltbild dieses Massenmörders beinhalte nur „Sieg oder Tod“. Als SPIEGEL-Redakteur lasse er sich aber bei solchen Gesprächen nicht verbiegen. Am letzten  Assad-Text wurde laut Aussage von Dieter Bednarz bei der nachträglichen „Abnahme“ nichts geändert, obwohl viel Schärfe im Gespräch war.

Wie geht es weiter in Syrien? Soll man auf den Sturz Assads hinarbeiten oder mit ihm zusammenarbeiten? „Im Moment schwimmt hier jeder!“, lautete die Antwort des Redakteurs.  Viele Akteure und Gruppierungen mischten in Syrien mit und die neue aktivere Rolle von Putin könne noch nicht eingeschätzt werden. Der Westen mitsamt der EU habe sich vor vier Jahren, als der Konflikt begann, heraushalten wollen. „Wir hatten Angst vor einer schlimmen Situation, die jetzt eingetreten ist. Nun kommt die Verantwortung wieder auf uns zu und wir dürfen uns nicht davor drücken, denn die Syrienkrise erfasst uns im wahrsten Sinne des Wortes“, betonte Dieter Bednarz. Kanzlerin Merkel zeige jedenfalls in der Flüchtlingskrise eine erstaunliche Klarheit, Offenheit und Herzlichkeit gegenüber den Migranten.

Bericht: Josef Wiesmann

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